Digili: Schüchterner Strippenzieher
David Digili lebt Basketball. Seit fast 20 Jahren ist er Fan, Beobachter und auch Kritiker. Als freier Journalist schreibt er in deutschen Tageszeitungen über seine Leidenschaft, über die Spieler, Coaches und Mannschaften, die diesen Sport so einzigartig machen. Und macht das jetzt auch hier im Blog. >> Fragen, Lob, Kritik? | Digili-Blog-Archiv
„Es ist einfach unglaublich", entfährt es Boston-Celtics-Coach Doc Rivers, „diese Übersicht, die er hat. Der Junge sieht sogar Dinge, die selbst mir nicht auffallen." Der so überschwänglich gepriesene „Junge" ist Rajon Rondo, Aufbauspieler der Neuengländer und nicht erst seit dieser Saison in überragender Form.
Schwächephase überwunden
JA, ich weiß, der zierliche Guard mit der „9" auf dem Rücken hatte eine kleine (naja, fast den ganzen März andauernde) Schwächephase (okay, wer hätte die nicht, wenn der beste Center im Team – der auch noch der beste Freund ist – durch Nenad Krstic ersetzt wird? Ach so, und so ganz fit soll er auch nicht gewesen sein – was er selbst aber bestreitet), aber spätestens seit dem überraschend klaren Sieg in San Antonio unterstreicht er wieder, warum er – für mich – der beste WIRKLICHE Point Guard der Liga ist.
Zum Mitlesen:
@ San Antonio: 22 Punkte, 5 Rebounds, 14 Assists, 0 Turnovers (kein Schreibfehler!)
@ Atlanta: 13 Punkte, 10 Rebounds, 5 Assists, 1 Turnover
vs. Detroit: 4 Punkte, 3 Rebounds, 14 Assists (Schönheitsfehler, zugegeben: 5 Turnovers…)
@ Atlanta: 13 Punkte, 10 Rebounds, 5 Assists, 1 Turnover
vs. Detroit: 4 Punkte, 3 Rebounds, 14 Assists (Schönheitsfehler, zugegeben: 5 Turnovers…)
Vom Nobody zum Celtics-Regisseur
Rondo lenkt das Spiel der Celtics, ausgerechnet er, der jüngste und unerfahrenste Akteur in der Starting Five des Rekordmeisters, ist das Gehirn des Erfolges, füttert KG, Ray Allen und Paul Pierce mit maßgeschneiderten Bällen.
Dabei wurde Rondo zu Beginn seiner NBA-Karriere gerade als Schwachpunkt ausgemacht. 2007, im zweiten Jahr in Boston, wurde der Kader eben mit den Spielergranden Kevin Garnett und Ray Allen aufgewertet. Im Trio mit Mannschaftskapitän Paul Pierce sollte nach langer Durststrecke wieder ein Titel her, und Rondo, der Unbeleckte, wurde auch mangels spielerischer wie finanzieller Alternativen zum Stammspieler auf der Point-Guard-Position neben dem „dreiköpfigen Monster".
Boston gewann tatsächlich den Titel, mit einem soliden Rondo – dem diese Erfahrung als Initialzündung dienen sollte. In jeder Spielzeit verbesserte der 1,85-Meter-Mann mit dem so zierlich wirkenden Körper seinen Assistschnitt, profiliert sich immer öfter als Allrounder, der auch im Rebound überraschend stark ist.
Glauben ist alles
„Wir sind überzeugt, dass Rondo ein besonderer Spieler werden kann", erklärte Celtics-Manager Danny Ainge schon, als er ihn 2006 unter Vertrag nahm. Rondo kam mit besten Voraussetzungen: Erst die als Talentschmiede bekannte Oak Hill High School in Virginia, dann die angesehene Basketballmannschaft der University of Kentucky, in seinem Heimatstaat.
In Boston gilt er längst als wertvollster Spieler, ist Publikumsliebling – trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Verbissenheit auf dem Parkett im heimischen „TD Garden". Ein Lächeln oder gar ein gelöstes Lachen ist selten bis nie im Gesicht des laut eigener Website „extrem schüchternen" Spielmachers zu sehen. Auch die Resultate eines Cover-Fotoshootings für das renommierte SLAM Magazine sehen eher nach Trauer denn nach Freude aus. Dass Rondo aus dem US-Kader für die Weltmeisterschaft 2010 gestrichen wurde, war ihm ganz recht – zu sehr hätte ihn während der zwei Wochen im Gastgeberland Türkei das Heimweh geplagt.
Klassischer Aufbau
Der so unbändig Glaubende ist das Kontrastprogramm zu anderen Spielmachern (oder verkappten Shooting Guards) der Liga, punktet oft wenig bis gar nicht, wirft selbst nur, wenn alle Passoptionen zugestellt sind. In einem Saisonspiel vor einem knappen Jahr geriet Rondo mit New-Orleans-Star Chris Paul aneinander, den viele immer noch als ligaweit besten Aufbauspieler sehen. „Ich spiele, um jedem meiner Gegenspieler zu beweisen, dass ich der Beste bin", sagte Rondo danach. Einzig Derek Fisher vom Erzrivalen Los Angeles Lakers sei ihm ebenbürtig – „er ist der Einzige, der mehr Meisterschaftsringe hat als ich", erklärt er.
Die Statistik gibt ihm Recht: Fisher gewann fünf Titel mit L.A., Rondo einen mit Boston. Paul und Deron Williams von den Utah Jazz, beide oft in der Kritikergunst wegen ihren angeblichen Führungspersönlichkeiten vorgezogen, sind in ihren bisherigen Karrieren nie ansatzweise in die Nähe der wuchtigen Meistertrophäe gekommen. Die oft so unverständlich lobhudeligen Lobhudeleien haben sie noch nicht gerechtfertigt – Spielmacher werden am Erfolg gemessen.
Und gerade DAS ist der Punkt: Würde Chris Paul wirklich im alles entscheidenden Spiel David West oder Emeka Okafor den Ball servieren – oder eher selbst den Abschluss suchen? Natürlich spielen da auch verschiedene Faktoren eine Rolle, natürlich spielt Rondo in einem der am tiefsten besetzten Kader der Liga, was CP3 oder auch Deron Williams (in Utah und erst recht in New Jersey) nun wirklich nicht behaupten können. Natürlich ist Rondo kein herausragender Distanzschütze. Da fällt das Passen sicherlich leichter. Andererseits: Point Guards mit einem derart ausgeprägten eigenen Offensivdrang wie Chris Paul würden sich davon sicherlich nicht beeindrucken lassen…
Das vielleicht größte Kompliment an Rondo jedenfalls kommt von Kobe Bryant, dem alles überragenden Lakers-Star: „Wenn die Celtics Rondo den Ball geben und ihn einfach machen lassen, dann sind sie am besten." Oder einfach unglaublich, wie Bostons Coach Doc Rivers sagt…



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